Veloverlad – ein interessante Blog, glaubzmer

05/05/2013

Hilfe, die SBB rät mir zum Fliegen!

Filed under: Fahrradmitnahme — Schlagwörter: , , , , — Hotcha @ 13:47

Vor dem Fliegen habe ich immer stärkeren Abscheu. Nicht moralischer Natur – ich finde ganz einfach diese Art des Reisens widerwärtig, diesen ganzen Flugzirkus, diese Pendlerei durch die Lüfte, das Verschwinden des Erlebnisses in Stress, Ärger, Hetze, Gedränge. Noch wichtiger fast: Ich reise einfach zu gerne, als dass ich mich dem angeblich so effizienten zeitsparenden Denken in Destinationen unterziehen könnte.

Ist denn die Gegend zwischen A und B, zwischen Abfahrt und Ziel wirklich so schlimm, dass man sie am Liebsten in Vollnarkose durchquert?

Für mich beginnen die Ferien genau dann, wenn ich hier in den Zug steige. Und sie enden entsprechend auch erst bei der Ankunft zu Hause. Rechne: Das sind genau zwei Tage länger als üblich, wenn sie erst bei Ankunft am Ferienort beginnen.

Nun hätte ich also dieses Jahr gerne mal Ferien in Portugal gemacht. Und mich vertrauensvoll an meine SBB gewendet. Zum ersten Mal gestern.

Der Nummernautomat hatte mir schlechte Karten ausgeteilt. Und mich an eine Schalterbeamtin alten Zuschnitts verwiesen, nur echt mit dem eingebauten Lätsch. Eigentlich hätte ich gerne einen ungefähren Preis gewusst, einfach so eine Grössenordnung, sind es eher 200 oder doch eher 500 Franken, die man rechnen muss. Nun, die Frage stellen heisst sie sozusagen beantworten, so gesehen scheine ich auf ein Wunder zu hoffen. Aber anstatt mir einen ungefähren Betrag anzugeben, begann die Beamtin unter Stöhnen einen detaillierten Fahrplan über Genf Montpellier Port-Bou Barcelona Madrid in allerhand Bildschirmmasken der verschiedensten Eisenbahnen zusammenzusuchen. Um dann schon bald mal einen Rat zu geben: Pour le Portugal, il faut prendre l’avion.

Jo, Pfyfeteckel. Und das bei der SBB. Ich verabschiede mich alsbald von dieser Totengräberin des Öffentlichen Verkehrs unter ungespielt ungläubigem Staunen meinerseits – und der festen Absicht, es dann nochmals im Bahnhof der Hauptstadt zu versuchen, dort habe ich einen Schalter für Auslandsbillete in Erinnerung, mit spezialisiertem Personal.

30 Kilometer fahren, um eine Auskunft zu erhalten? Ich versuche mein Glück vorher noch einmal hier, einen Tag später, andere Schicht, neue Chance. Die jetzige Dame wendet sich unter Stöhnen ihrem Computer zu und beginnt in den verschiedensten Masken einen detaillierten Fahrplan nach Lissabon zusammenzustellen, anders scheint es einfach nicht zu gehen. Aber halt: In Montpellier ist Schluss. Montpellier? Das liegt noch mitten in Frankreich, wenn auch unten. Und dann müsse ich aussteigen und dort am Schalter ein Billet bis wahrscheinlich Gerona kaufen. Aufenthalt 1 Stunde 10 Minuten. Hier im Blog habe ich von einer fast einstündigen Warterei an einem Billetschalter der SNCF berichtet. Das sei dort nicht unüblich. Da scheinen mir 70 Minuten ein wenig spitz kalkuliert! Jetzt ohne Kohl. Immerhin reden wir vom Juli, von der Ankunft eines Schweizer TGV, mit möglicherweise mehreren Passagieren mit dem selben Problem, in der Schlange vor einem französischen Billetschalter.

Von eventuell Gerona aus könne ich dann wieder mit einem in der Schweiz gekauften Billet weiter fahren. Und so würde das noch ein paar Mal gehen, bis ich nach vielleicht sieben Umstiegen in Lissabon sein könnte. Möglicherweise. Noch sind wir nicht weiter in der konkreten Reiseplanung als bis Montpellier. Kann sein, dass der Faden irgendwo noch abbricht. Genaues weiss man noch nicht.

Ich solle doch fliegen!

Um nicht als komischer Kauz dazustehen (“Aber heute fliegen doch alle!”), lasse ich ein medizinisches Problem anklingen… Sucht die Dame also weiter, gibt aber zugleich zu bedenken, dass sie heutzutage nicht mal mehr direkte Billete nach Barcelona ausstellen könnten. Da gäbe es nur Schweiz-Spanische Grenze, von dort an müsse man wieder vor Ort schauen.

Wieso kommt mir da plötzlich das Postkutschenzeitalter in den Sinn?

Auf jeden Fall weiss ich nun: Wenn es noch eine brauchbare planbare Verbindung nach Portugal gibt, dann kostet sie eher 500 Franken als 200. Hätten sie mir eigentlich auch direkt sagen können.

Ich wäre gerne nach Portugal in die Ferien gefahren, aber so wie’s ausschaut wird es wieder Bretagne, halt. Schade eigentlich. Aber ich bleibe dran. Eventuell.

7 Kommentare »

  1. Tipp von einem, der die Gegend zwischen A und B auch mag: Nachtzug Irun-Lissabon früh buchen (www.renfe.com).

    Kommentar by der bahnschalter — 07/05/2013 @ 08:20

  2. merci. Habe die Idee gehabt, kurz mal Interrail zu googeln, und siehe da, für unter 500 Franken würde so Portugal retour klappen. Zuschläge für Nachtzüge allerdings nicht eingerechnet. Komisch, dass am Schalter niemand auf die Idee kam. Herzlichen Dank für den Link zu Renfe

    Kommentar by Hotcha — 07/05/2013 @ 10:20

  3. Eben, ich wollt grad sagen: Es gibt doch einen Nachtzug nach Lissabon! Oder wenigstens einen Roman (kürzlich verfilmt) der so heisst!

    Kommentar by frau frogg — 08/05/2013 @ 16:59

  4. @Frau Frogg: Nachtzug nach Lissabon, da wird doch bestimmt die Alte Welt beschrieben, als es noch einen Pablo Casals bis Barcelona gab; aber sowieso schwebt mir halt das Gegenstück zur zentral gelegenen ruhigen grossen Wohnung mit Garten und Balkon vor, möglichst alt und günstig natürlich. Zu gerne täte ich einfach mit einem Abi losfahren, spontan in abgelegenen Kleinbahnhöfen den nächsten Regionalzug mit gratis Velotransport nehmen und dann so in ein paar Tagen ankommen. Hach, das schon nur hinschreiben macht Freude.

    Kommentar by Hotcha — 11/05/2013 @ 03:53

  5. Um ehrlich zu sein: Ich weiss nicht mehr, wann der Roman spielt und ob der “Pablo Casals” darin vorkommt – und ich kann es auch nicht nachprüfen. Mit dem Buch ist mir ein blödes Missgeschick passiert. Es ist mir letzten Herbst beim Abstauben (und nachdenken, ob ich es noch brauche) aus dem Fenster und in die Regenrinne unseres Hauses gefallen. Ich habe mit allen zur Verfügung stehenden Stangen versucht, es herauszuklauben – erfolglos.

    Es war schnell vom Regen durchweicht, und ist erstaunlich schnell verschwunden. Ich habe mich gefragt: Wie verschwinden Bücher aus Regenrinnen?

    Kommentar by frau frogg — 12/05/2013 @ 20:12

  6. Nicht aufgeben! Es gibt definitiv noch einen Nachtzug nach Lissabon. Ich bestieg ihn vor ein paar Jahren in Madrid. Von Paris aus soll es jetzt auch direkte TGV-Verbindungen nach Barcelona geben. Diese habe ich aber bisher nicht ausprobiert, da ich TGVs nicht besonders mag. Lieber fahr ich mit Regionalzügen kreuz und quer durch Frankreich… dauert länger, aber macht viel mehr Spass. Unfähiges SBB-Personal wird mich nie davon abhalten, mit dem Zug rumzufahren.

    Kommentar by Andreas — 31/05/2013 @ 06:15

  7. …. vor ein paar Jahren…. das sind heutzutage Ewigkeiten. Man wird ja sehen, im Moment sieht’s nicht mal mehr nach Ferien aus

    Kommentar by Hotcha — 31/05/2013 @ 07:37

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