{"id":873,"date":"2014-05-11T09:54:35","date_gmt":"2014-05-11T07:54:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.veloverlad.ch\/?p=873"},"modified":"2014-05-11T10:20:11","modified_gmt":"2014-05-11T08:20:11","slug":"von-billigfliegern-und-billigessern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.veloverlad.ch\/?p=873","title":{"rendered":"Von Billigfliegern und Billigessern"},"content":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/www.webdreinull.ch\/dokuwiki\/lib\/exe\/fetch.php?media=ryanair.jpg\" class=\"alignleft\">Mit Verlaub, das ist ein wenig lang, aber ist halt direkt aus meinem Arbeitsjournal gepastet:<\/p>\n<p>08:50 K\u00fcrzlich Michael Moore \u00fcber Kapitalismus dozieren geh\u00f6rt, in einem seiner zahllosen Filme, die immer nach dem selben Muster gestrickt scheinen. Ihm selber geht es offensichtlich materiell fantastisch, das ist doch ein wenig irritierend. Dieses fettleibige Rumjetten, also ich weiss wirklich nicht, dieses mit Vorw\u00fcrfen um sich schmeissen, dieses populistische Aufr\u00fchren ohne Aussichten auf Erfolg f\u00fcr die Opfer der Gesellschaft, f\u00fcr welche er ja ohne Zweifel eintritt. Kurz, sein massives Ego steht ihm im Weg. Ich kann ihn nicht ernst nehmen. Ich traue ihm etwa so viel wie seinem Schweizer Namensvetter, Ueli Muhrer. Und so nahm ich sein k\u00fcrzlich geh\u00f6rtes Statement auch nicht ernst, dass in den 50ern und 60ern eine amerikanische Familie noch von einem Einkommen leben konnte, was heute nicht mehr der Fall ist.<\/p>\n<p>Bis ich dann meine Eltern in den Zeugenstand rief, sozusagen. Sie sind als junges Paar kurz nach dem Krieg, welcher heute \u00fcbrigens vielen Sch\u00fclern nicht mehr bekannt ist, der Arbeit hinterher gezogen. Ich mache hier die Kriegsklammer auf und zu: Letzte Woche am See zwei Jugendliche geh\u00f6rt, sie reden \u00fcber eine Pr\u00fcfung, f\u00fcr die sie lernen. Sie fragen sich gegenseitig ab. Frage: Was waren die wichtigsten Gr\u00fcnde, die zur europ\u00e4ischen Vereinigung, EU und so, gef\u00fchrt haben. Puuhh &#8211; und so gibt die andere die Antwort vom L\u00f6sungsblatt: Die zwei Weltkriege blabla&#8230; die andere: Ouh nei, das kann ich mir nie merken.<\/p>\n<p>So, zur\u00fcck in der Handlung: eine Lieblingsgeschichte meiner Mutter handelt von ihrem ersten Poulet, das sie in Z\u00fcrich gekauft habe, da war sie wohl Zwanzig. So viele Franken hat das Poulet auch gekostet, also genauer gesagt, das Huhn, ein Suppenhuhn also. Aus der Metzgerei, Discount gabs ja damals noch nicht. Und wie sie es dann in der K\u00fcche verdorben hat, weil sie so etwas gar nicht kannte. Ich glaub, sie hat das ganze Huhn auf jeder Seite 10 Minuten gebraten oder so was, war nat\u00fcrlich steinhart, die Entt\u00e4uschung. Das Huhn war im Verh\u00e4ltnis so teuer wie heute ein Occasionsvelo. Heute werden Suppenh\u00fchner bei uns nur noch durch ganz wenige Kenner wie ich \u00fcberhaupt gegessen.<\/p>\n<p>Diese Eltern habe ich also gefragt, ob das stimmt, die Geschichte mit dem einen Einkommen. Sie, die wie alle \u00e4lteren Herrschaften gerne die H\u00e4rte der alten Zeiten betonen, best\u00e4tigten mir wider Erwarten des Moores Geschw\u00e4tz &#8211; war also kein Geschw\u00e4tz, sorry.<\/p>\n<p>Und nun habe ich heute einen franz\u00f6sischen Dokumentarfilm gesehen, der dem Ursprung des Discount und seinen Auswirkungen in der heutigen Gesellschaft nachgeht. Erschlagend ist das.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=rcD-2-FGh6c\" alt=\"Dokfilm auf Youtube\">Der Film, franz\u00f6sische Version<\/a><\/p>\n<p>Am Beispiel von Ryanair sieht man, welches die immensen sozialen Kosten der Discountfliegerei sind. Die Angestellten werden ausnahmslos auf allerschlimmste ausgebeutet, ich brauche solche Schlagworte nicht gerne, aber hier gibt es die Verh\u00e4ltnisse perfekt wider. Stewardessen, denen nur die Flugzeit bezahlt wird, die Arbeit vor- und nachher ist gratis zu leisten. Sie m\u00fcssen vorher eine Ausbildung f\u00fcr 3000 Euro bei einer externen Firma absolvieren, die aber auch Ryan geh\u00f6rt. Sie m\u00fcssen die Uniform selber bezahlen. Piloten werden in extra gegr\u00fcndete Gesellschaften in anderen L\u00e4ndern ausgelagert, um die Sozialkosten zu umgehen.<\/p>\n<p>Oder Aldi, die es irgendwie geschafft haben, ein einigermassen cooles Migros-Budget-Image zu kriegen, sind im Besitz der zwei Gr\u00fcnder, Br\u00fcder Albrecht, Milliard\u00e4re, reich wie Bill Gates. Diesen Reichtum haben sie sich geschaffen in einer Tieflohnbranche, man muss sich das mal vorstellen, diese Schere, diese himmelschreiende Absurdit\u00e4t.<\/p>\n<p>Wir sehen, wie die Produktion f\u00fcr die paar wenigen Ketten, die uns alle mit G\u00fctern versorgen, L\u00e4nder wie Rum\u00e4nien kaputt machen. Hier im Nachbarshaus wurde vor ein paar Jahren eine Kontaktbar er\u00f6ffnet, offenbar von einem Rum\u00e4nenpaar, immer mal wieder kommen neue Frauen, Stil, Schminke, Habitus unverkennbar aus diesem globalen Einheitslook der grossen Modeketten \u00fcbernommen, aber es stimmt noch nicht so richtig zusammen wie bei denen, die damit aufgewachsen sind, die schon immer im Discountparadies Schweiz leben. Es hat etwas angestrengtes, neureiches. Typisches Merkmal: Diese absurden d\u00fcnnen Zigaretten, perfektes Symbol der Verschwendung, des Lebens im \u00dcberfluss. Es hat etwas trauriges. Ganz am Anfang konnte man die Verwandlung noch gut beobachten, die Frauen verkehrten zum Teil tags\u00fcber auch bei Mehmet dr\u00fcben. Sie hatten etwas rustikales an sich, und von Monat zu Monat wurde die Verwandlung sichtbarer, zuerst wurden die N\u00e4gel mit farbigem Plastik \u00fcberklebt, die Legins wichen Designerjeanskopien &#8211; heute w\u00e4ren diese Legins glaub wieder der letzte Schrei, oder? Kurz, wenn man im Film dieses Land sieht mit arbeitssuchenden M\u00e4nnern an den Bahnh\u00f6fen, dann versteht man auch besser den Weg dieser Frauen. Sie sind die Generation, die hierher kommen, um ihren k\u00fcnftigen Kindern ein besseres Leben zu bieten, wie es vor ihnen die Russinnen oder Ukrainerinnen waren. Ich habe hier einen Kleingewerbler vor Augen, der Bauer schlechthin, \u00e4ltlich, leicht schwablig \u00fcberm Hosenbund, schwammig, mit seiner jungen sch\u00f6nen Frau, die dann in Nullkommanichts eine Tochter auf die Welt stellen konnte, man merkt ihr einfach an, sie erwartet f\u00fcr sich selber nichts, sondern sie sieht sich als Br\u00fccke f\u00fcr diese Tochter in die reiche Welt des Westens. Diesen Kleingewerbler gibt es, ist keine Erfindung von mir und sicher auch eine Art Normalfall jenes Schweizer Mannes, der den einheimischen Frauen nicht gewachsen ist. Figuren wie aus einem Roman von Emile Zola.<\/p>\n<p>Im Film sieht man sehr gut, wie Ausbeuter und Ausgebeutete miteinander verquickt sind, oder wie ich heute in einem Kommentar beim Freitag lesen konnte, &#8222;niemand ist schuld am Kapitalismus&#8220;. Wenn die Aldi-Verk\u00e4uferin \u00fcber die Zerst\u00f6rung durch Discounter klagt, mit ihren Plastikn\u00e4geln in ihrer Plastikwohnung unter ihren Plastikfrisur, was soll man dann wohl denken \u00fcber ihr Einkaufsverhalten? Wer ist hier ohne Schuld? Wer denkt bei seinen Eink\u00e4ufen und Reisen an die Infrastruktur, die dadurch kaputt geht? Wer billigfliegt nicht, discountet nicht? Wenn der Ryansche Zynismus so erfolgreich ist, der die Ausbeutung sogar noch in der Werbung durch Zurschaustellung seiner Hostessen in Unterw\u00e4sche richtiggehend zelebriert, wie soll man dann noch am echten Volkswillen zweifeln? Eine Spirale ohne Ende.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit Verlaub, das ist ein wenig lang, aber ist halt direkt aus meinem Arbeitsjournal gepastet: 08:50 K\u00fcrzlich Michael Moore \u00fcber Kapitalismus dozieren geh\u00f6rt, in einem seiner zahllosen Filme, die immer nach dem selben Muster gestrickt scheinen. 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