{"id":781,"date":"2013-11-17T08:13:25","date_gmt":"2013-11-17T08:13:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.veloverlad.ch\/?p=781"},"modified":"2013-11-17T17:57:27","modified_gmt":"2013-11-17T17:57:27","slug":"investigativer-journalismus-hahaha","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.veloverlad.ch\/?p=781","title":{"rendered":"Investigativer Journalismus hahaha"},"content":{"rendered":"<p>Ein Medienjunkie bin ich, seit ich lesen kann, so wenigstens kommt es mir vor. Auf dem H\u00f6hepunkt meiner Karriere habe ich manche Woche so 40 bis 50 Franken f\u00fcr Zeitungen und Zeitschriften ausgegeben, entsprechend viel Altpapier musste ich jeden Monat entsorgen.<\/p>\n<p>Ein paar Jahre arbeitete ich gar in einem Beruf, wo ich pro Tag an die 30 Zeitungen durchforsten musste. Nie war Arbeit sch\u00f6ner.<\/p>\n<p>Heute bleibt es bei sporadischer Zeitungslekt\u00fcre; kaufe ich mir mal eine, ist es die S\u00fcddeutsche oder die Zeit, weil es die auf dem Kindle g\u00fcnstig gibt. Ansonsten reicht mir, was in Kantinen, Leses\u00e4len oder Restaurants so rumliegt. Und jeden Sonntag die Tribune Dimanche, das welsche Pendant zur Sonntagszeitung, nur nicht so stinklangweilig, nur nicht so unn\u00f6tig.<\/p>\n<p>Jetzt entw\u00f6hne ich mich auch schon von den elektrischen Zeitungen. Gestern habe ich mir wieder mal die S\u00fcddeutsche auf den Kindle gezogen, die dicke Samstagsausgabe. Es blieb bei einem kurzen Durchbl\u00e4ttern, nichts konnte meine Aufmerksamkeit wecken. In einem Moment der Langeweile, beim Warten auf das Kochen des Abwaschwassers, habe ich dann doch mal einen Artikel gelesen, pure Zeitverschwendung war das. Ein total fades Interview auf der fr\u00fcher so kontroversen Medienseite. Um keine Leser zu verlieren, mag ich es gar nicht zusammenfassen. Ihr w\u00fcrdet mir noch einschlafen, mitten im Satz.<\/p>\n<p>Die gedruckten Zeitungen haben mich verloren, als die Redaktionen landauf, landab sich f\u00fcr die Google-Steuer zu Gunsten der Verlage ins Zeug legten. &#8218;Leistungsschutzrecht&#8216; nannten sie sie. Die Online-Zeitungen haben mich schon fast ganz verloren, weil die Artikel schamlos und systematisch aus einer Neuigkeit und danach einem Rattenschwanz Archivmaterial zusammengestiefelt werden.<\/p>\n<p>Google und Wikipedia habe ich selber, liebe Verlage, liebe Redaktionen.<\/p>\n<p>Auch die Gewohnheit einiger Presseportale, zu einem Newsartikel weitere Links anzubieten, die sich dann allesamt als Uraltmaterial entpuppen, was man erst nach dem \u00d6ffnen des Links sehen kann &#8211; auch diese vermeintliche Schlaumeierei vertreibt mich zunehmend. Wer zwanzig Mal derart zum Klickvieh degradiert worden ist, hat seine Lektion gelernt.<\/p>\n<p>Am allerschlimmsten aber ist die permanente Affirmation, die sich breit zu machen scheint. Typisch sind die Interviews mit &#8218;Experten&#8216;, die nat\u00fcrlich die eigene Recherche ersparen, ich kann das ja verstehen, der Zeitdruck ist gross.<\/p>\n<p>Ich muss sie aber bei allem Verst\u00e4ndnis auch nicht lesen.<\/p>\n<p>Richtig muff aber bin ich heute morgen geworden, \u00fcber dieses Interview mit Alice Schwarzer in Sonntag-Online: <a href=\"http:\/\/www.schweizamsonntag.ch\/ressort\/politik\/43_politiker_fordern_prostitutions-verbot\/\" target=\"_blank\">43 Politiker fordern Prostitutionsverbot<\/a>. Witzig, bei der m\u00e4nnernden \u00dcberschrift: Im Text ist dann vor allem von Frauen die Rede und <\/p>\n<blockquote><p>auch etliche M\u00e4nner unterst\u00fctzen das Postulat: BDP-Pr\u00e4sident Martin Landolt oder die SVP-Nationalr\u00e4te Oskar Freysinger, Hans Kaufmann und Hans Fehr geh\u00f6ren dazu. <\/p><\/blockquote>\n<p>Aber wer wird denn gleich mit der Goldwaage um sich schmeissen?<\/p>\n<p>Nein, das \u00c4rgernis sind die Interviewfragen. <\/p>\n<blockquote>\n<ul>\n<li>Was sagen Sie dazu, dass die Schweiz auch ein Prostitutionsverbot pr\u00fcft? <\/li>\n<li>K\u00f6nnen Sie sich vorstellen, dass ein Verbot Erfolg hat? <\/li>\n<li>Ist Ihr Apell <a href=\"http:\/\/www.korrekturen.de\/beliebte_fehler\/apell.shtml\" target=\"_blank\">[die schreiben das wirklich so!]<\/a> gegen die Prostitution erfolgreich? <\/li>\n<li>Ist ein Verbot nicht kontraproduktiv? <\/li>\n<\/ul>\n<\/blockquote>\n<p><img src=\"\/bildeli\/prostitutionsverbot.gif\" class=\"alignleft\" alt=\"Sonntagsfrage bei Sonntag-Online\">Welche Antworten erwarten wohl die zwei(!) Journalismusprofis auf diese Fragen auf dem Niveau einer Sch\u00fclerzeitung? Vielleicht, dass sie sagt, es sei schlimm, dass die Schweiz ein Prostitutionsverbot pr\u00fcfe, dass ein Verbot kaum Erfolg haben d\u00fcrfte, ihr Appell erfolglos sei, ein Verbot kontraproduktiv?<\/p>\n<p>Wie gesagt, f\u00fcr diese Fragen brauchte es zwei, Journalistin und Journalist!<\/p>\n<p>Da stehen dann unwidersprochen, ungepr\u00fcft Sachen wie in der letzten Frage\/Antwort:<\/p>\n<blockquote><p>(Frage) Und wenn die Frauen in den Untergrund abwandern?<br \/>\n(Antwort) Schlimmer kann es f\u00fcr die Frauen in der Prostitution nicht mehr kommen. In Deutschland sind heute Hunderttausende von Armuts- und Zwangsprostituierten vorwiegend aus Rum\u00e4nien oder Bulgarien im Untergrund. Sie werden als \u00abFrischfleisch\u00bb von Grossbordell zu Grossbordell geschoben \u2013 und landen irgendwann auf der Strasse. Diese Frauen sind nicht registriert, es gibt keine Gesundheitskontrollen mehr, niemand kennt sie. Sie k\u00f6nnten von heute auf morgen einfach verschwinden. Niemand w\u00fcrde es merken. .<\/p><\/blockquote>\n<p>Ich bin ja nur ein gew\u00f6hnlicher Leser, aber sogar ich merke, dass diese Antwort v\u00f6llig an der Sache vorbeizielt und ausschliesslich Emotionen sch\u00fcren will. Erstens mal ist das, was Schwarzer hier anprangert, bereits heute gesetzlich verboten;  zweitens trifft diese Beschreibung nicht f\u00fcr alle Frauen in der Prostitution zu.<\/p>\n<p>Lest dazu, wenn&#8217;s denn Lust habt, <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/sonja-dolinsek\/prostitution-ein-deutscher-skandal\" target=\"_blank\">lieber den Artikel beim Freitag.<\/a> <a href=\"http:\/\/seeliger.cc\/2013\/gekaufte-naehe\/\" target=\"_blank\">Verlinkt gefunden bei Julia Seeliger.<\/a><\/p>\n<p>N\u00e4chstes Mal werde ich dann \u00fcber den Niedergang der Blogs kl\u00f6nen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Medienjunkie bin ich, seit ich lesen kann, so wenigstens kommt es mir vor. Auf dem H\u00f6hepunkt meiner Karriere habe ich manche Woche so 40 bis 50 Franken f\u00fcr Zeitungen und Zeitschriften ausgegeben, entsprechend viel Altpapier musste ich jeden Monat entsorgen. 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