{"id":1377,"date":"2016-03-19T19:41:00","date_gmt":"2016-03-19T17:41:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.veloverlad.ch\/?p=1377"},"modified":"2019-01-06T11:09:40","modified_gmt":"2019-01-06T09:09:40","slug":"in-wien-wo-bettler-neu-mich-beuteln","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.veloverlad.ch\/?p=1377","title":{"rendered":"In Wien, wo Bettler neu mich beuteln"},"content":{"rendered":"<p>In Wien habe ich schon vor Jahren ein Hardcore-Betteln gesehen, das gibt es so bei uns nicht. Vor allem Fl\u00fcchtlinge aus dem Irak, noch vor der Syrienkrise also, zeigten Beinst\u00fcmpfe vor, rollten auf Brettern durch die Strassen, knieten stundenlang auf der Strasse, die Stirn auf dem Asphalt, die H\u00e4nde nach Almosen ausgestreckt, ein fast unertr\u00e4gliches Bild. Aber ich sah das vor allem in den t\u00fcrkisch dominierten Ecken, um den Reumannplatz, im Bezirk Favoriten. Dort habe ich nat\u00fcrlich auch immer gewohnt.<\/p>\n<p>Jetzt ist wahrscheinlich die ganze Stadt in ein Netz bettelnder Profis aufgeteilt worden, ich sehe das am deutlichsten hier am Westbahnhof, wo die immergleichen Gesichter an den immergleichen Ecken stehen. Am schlimmsten der Mann mit den total blutunterlaufenen Augen, der f\u00fcr eine Operation bettelt. Am ertr\u00e4glichsten die Frauen mit Kinderbildern, die sie vor sich liegen haben. Weil hier kann man sich sagen, tja, solche Bilder kann ja jede herzeigen. Und man weiss ja, die Bettler sind organisiert, es gibt Bosse, die kassieren, es gibt Reviere, die verteidigt werden, es gibt Bilder aus Rum\u00e4nien von luxuri\u00f6sen Anwesen mercedesfahrender Klans.<\/p>\n<p>Genaues weiss man nicht. Vermutet wird vieles. Aber eines ist klar: F\u00fcr viele dieser Leute ist es die einzige M\u00f6glichkeit, einem Leben ohne jegliche Perspektive wenigstens f\u00fcr eine Zeit lang zu entkommen. Heute, beim Betreten einer B\u00e4ckerei im Westbahnhof, haut mich ein kr\u00e4ftiger junger Mann an, vielleicht 17 oder 18 mag er sein, er bittet mich um Geld f\u00fcr Essen. Und drin all die herrlichen weissen Backwaren. L\u00fcgt er mich nun an? Egal, ich dr\u00fccke ihm 4 Euro in die Hand. Denn was kann er denn daf\u00fcr, dass er in die Ecke der Chancenlosen hineingeboren worden ist? Keine Ahnung, ob er sich dann was gekauft hat. Ich habe nicht hingeguckt.<\/p>\n<p>Seit zwei Wochen bin ich in Wien. Am Anfang konnte ich die Bettelei ganz intellektuell wegtun. Mit Argumenten wie oben. Es wird viel geschrieben, viel berichtet \u00fcber das organisierte Bettlertum. Aber mit der Zeit merkt man, das ist im Minimum eine Art Arbeit, ach, man kann es einfach nicht mehr so wegschieben. Und ich habe mir jetzt angew\u00f6hnt, das Kleingeld immer in der Hosentasche mit mir zu f\u00fchren, die Cents hinten, die Euro vorne, manchmal auch bunt gemischt. Und gebe jetzt sehr oft, manchmal nur wenig, manchmal ein paar Euro aufs Mal. Aber nie aus dem Portemonnaie. Das kommt einfach nicht gut. Aber so habe ich das Gef\u00fchl, es kostet mich ja praktisch nichts. Und ihnen hilfts, irgendwie. Sei es, dass sie sich was kaufen k\u00f6nnen. Sei es, dass sie am Abend nicht verpr\u00fcgelt werden vom Boss. Was weiss ich da schon.<\/p>\n<p>Es hat auch viel dazu beigetragen, dass ich die Stadt teilweise als extrem klamotten- und handygeil erlebe. In der U-Bahn starren sehr oft drei von vier auf ihren Bildschirm, 8 von 10 tragen ihr Smartphone offen in der Hand, sogar beim Gehen wird die Diretissima bevorzugt, man starrt auf sein Ger\u00e4t, die anderen werden schon ausweichen. Dann nat\u00fcrlich gestylt von den grossen internationalen Ketten mit den immer neu ausschauenden schwarzen Klamotten, den Sneakers, Stiefel, Stiefeletten. Die Haare.<\/p>\n<p>Und dann so junge M\u00e4nner, wie der vor der B\u00e4ckerei.<\/p>\n<p>Von der Gewalt habe ich noch gar nichts erz\u00e4hlt. Man sp\u00fcrt vielerorts eine gruppenspezifische Aggression. Eine typische Szene habe ich auf einem grossen, stark frequentierten Platz in einem Quartier des sozialen Wohnungsbaus erlebt: Sicher zwanzig bis dreissig Polizisten und Polizistinnen, Einsatzwagen, auf dem Platz, in den Strassen um den Platz. Auf dem Platz selber eine ganz unglaubliche Szene, zwei junge M\u00e4nner werden offenbar von der Polizei gestellt, sie d\u00fcrfen auf jeden Fall nicht weg. Dabei zwei Polizisten, ich kann nicht aufh\u00f6ren, die anzustarren, ich habe noch nie solche Kraftb\u00fcndel gesehen, Arme wie \u00dcberseekabel, K\u00f6rper wie Schr\u00e4nke. Und die zwei Jungs stehen da, wippen auf dem Aussenrist, grinsen herausfordernd, alle warten auf etwas, weiter hinten stehen andere Jungs, ihre Kollegen vielleicht. Die zwei haben hier ihren grossen Moment, und die Polizei gibt ihnen die Kulisse dazu. Zwei Z\u00fcge, die auf dem selben Gleis aufeinander zurasen. Und niemand tut etwas.<\/p>\n<p>Seit ich mit Polizisten gearbeitet habe, ertrage ich es nicht mehr, wenn Kollegen sie Bullen nennen. Seit ich M\u00e4nner hier beim Betteln gesehen haben, kr\u00e4ftig, im besten Alter, ertrage ich es nicht mehr, dass man ihnen finstere Motive f\u00fcr ihr Tun unterschiebt. Denn Betteln ist gewiss nicht lustig!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Wien habe ich schon vor Jahren ein Hardcore-Betteln gesehen, das gibt es so bei uns nicht. 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